Ein Reisebericht unseres Judokas Gerhard Eberle

Als meine Tochter letztes Jahr im September zu mir kam und den Wunsch äußerte eine Reise nach Tokyo zu unternehmen, musste ich nicht lange überlegen um dem zuzustimmen. Schon seit 1991 betreibe ich aktiv Kampfsport in verschiedenen Disziplinen und so war es mir ohnehin schon immer mal ein Wunsch das „Land der aufgehenden Sonne“ zu besuchen um dort zu trainieren wo alles begann.

Bereits im November waren Flug und Hotel über das Internet für mich und meine Tochter gebucht. Somit konnten wir mit dem nächsten Schritt beginnen und gemeinsam organisierten wir unsere Reise. Über Trainingspartner aus Frankreich, die im Budo-Kai Bühlertal trainieren und über Vereinskollegen die auch Japan Erfahrung haben, holte ich mir zudem weitere Informationen um unsere Reiseplanung weiter voranzutreiben.

Am 13. August ging es dann von Frankfurt über Rom zum Flughafen Narita, welcher 60 Kilometer nordöstlich von Tokyo liegt. Mit der Keisei Main Linie (Eisenbahn) sind wir in eineinhalb Stunden bis ins Zentrum (Uneo) gefahren. Von dort aus ging es dann mit der Metro zu unserem Hotel. Um mit den Bahnen fahren zu können haben wir uns am Flughafen gleich eine Suica– Geldkarte am Automaten gekauft, mit der man die meisten Verkehrsmittel in Tokyo nutzen kann.

So konnten wir am Anfang unsere Reise erst einmal die Stadt erkunden, welche geprägt ist von alter Kultur wie beispielsweise dem Kaiserpalast, dem Tempel Sensoji in Asakusa oder dem Schrein Meiji-jingi, so wie viele weitere Sehenswürdigkeiten. Aber auch das Moderne ist in Japan allgegenwärtig. Als Beispiel dafür ist der 634 Meter hohe Tokyo Skytree zu nennen. Dort bringt ein Fahrstuhl die Besucher innerhalb von 35 Sekunden auf 350 Meter. Ein weiteres überwältigendes Erlebnis ist auch die Überquerung der Shibuya Kreuzung. Bei Grünphasen in den Abendstunden überqueren dort bis zu 15000 Menschen die Straße.

Der Kaiserpalast in Tokyo

Gleich zu Beginn stand auch der Besuch des Eisho Tempel auf unserem Plan. In diesem entwicklete Jigoro Kano im Jahre 1882 aus dem Jujutsu das Judo. Von Anfang an geplant, war ein Training in der ältesten und bedeutensten Judo-Schule der Welt, dem Kodokan („Halle zur Lehre des Weges“). Um dort zu trainieren ist eine Anmeldung im internationalen Department nötig, welches sich im Stadtbezirk Bunkyo befindet.

Als Judoka hat man dabei entweder die Möglichkeit an einem Kata-Training teilzunehmen oder an bei einem offenen Randori (freies Kämpfen) zu starten, welche an jedem Wochentag von 18 bis 20 Uhr stattfinden. Ich entschied mich an einem solchen Randori teilzunehmen und so ging es ins Kodokan-Office. Dort angekommen wurden wir von den Sekretärinnen freundlich empfangen und ich bekam ein Anmeldeformular, welches mich berechtigen sollte am täglichen Randori teilzunehmen. Auch stellte sich der Judo-Lehrer bei mir vor, welcher das abendliche Randori leitet. Die Kosten für ein freies Training, inklusive dem Ausleihen eines Judo-Gi, belaufen sich auf 1000 Yen (ca. 8 Euro). Im Anschluss an die Anmeldung gingen wir noch in das Judo Museum im Kodokan, welches kostenlos besucht werden kann, um die Geschichte des Judos auf uns wirken zu lassen.

Am 21. August war es dann soweit und mein persönliches Highlight unserer Japanreise stand bevor, das Training im Kodokan. So fuhren wir gegen 16.30 Uhr mit der Metro von Tawaramachi nach Kasuga. An der Rezeption in der vierten Etage bekam ich einen Judoanzug, den ich mir für dieses Training geliehen hatte. Meine Schuhe gab ich auch an der Rezeption ab, da der Umkleideraum nur ohne Schuhe betreten werden darf. Dort erklärte mir ein Mitarbeiter dann den Spind im Umkleideraum. Anschließend ging ich dann barfuß und in Judo-Gi in die siebte Etage, ins „Main Dojo“, und machte mich dort, wie alle anderen Kämpfer, selbständig warm. Nach einer Weile kam der Judo Lehrer Mr. Hirofumi Otsuji (6. DAN Judo Kodokan) und erklärte mir im Seiza (Fersensitz) die Etikette des Kodokan. Man verbeugt sich vor und nach dem Randori mit dem Partner im Seiza vor Jigoros Kanos Ehrenplatz, dem Shomen.

Vorfreude auf das Training ist die beste Freude

Pünktlich um 18 Uhr ging es los mit dem freien Randori, mit ungefähr 30 Kämpfer auf der Matte, außer mir und einem Judoka aus Straßburg, ausschließlich japanische Judokas. Unter diesen waren sowohl Grand Slam Teilnehmer als auch Breitensportler vertreten. Auch das Alter der Randori Teilnehmer war breit gefächert, während der jüngste Teilnehmer 18 Jahre alt war, durfte ich die Bekanntschaft mit dem 72 Jahre alten Mr. Ozbaki (6. DAN) machen. Er fährt zwei Mal pro Woche zum freien Randori ins Kodokan mit der Metro und nimmt dafür einen Weg von 90 Minuten pro Strecke auf sich. Im freien Randori kämpft man dann je nach Belieben zirka 3 bis 5 Minuten mit wechselnden Partnern. Nach den Randori erholt man sich am Mattenrand im Seiza oder auf der Bank. Zudem steht extra ein Trinkbrunnen im Dojo, aus dem jeder trinken kann bereit. Nach exakt zwei Stunden wurde das Training dann mittels eines Trommelschlages beendet.

Trotz Trinkbrunnen war ich nach diesen zwei Stunden Training runde drei Kilo leichter. Glücklich ging es unter die Dusche, und danach noch ins Onsen, ein von heißen Quellen gespeistes Bad, welches sich ebenfalls auf der vierten Etage befindet.

Den letzten Tag unserer Reise entspannten wir uns im Shinjuku Goun Park bevor wir abends nochmals die Menschenmenge an der Shibuya Kreuzung bewunderten. Mit unbeschreiblichen positiven Erinnerungen und einem Judobanner, für das heimische Dojo, aus dem Kodokan, ging es nach 10 Tagen von Narita über Mailand wieder Richtung Frankfurt, in die Heimat.

Mein Fazit für das Judo Training Kodokan

Judo ist wie eine Sprache. Man braucht sich nicht verbal unterhalten, denn jeder weiß was der andere macht und will. Wichtig ist das wöchentliche und jahrelange Training im Verein. Hat man die Grundlagen im Verein gelernt, besteht man auch gut das Training in Japan. Im Kodokan ist die Atmosphäre etwas ganz Besonderes, ebenso auch der Umgang miteinander. Man merkt schnell, dass hier einige der Weltbesten Judokas praktizieren, sowohl als Lehrer als auch als Trainierende und dennoch oder gerade deswegen ist der Umgangston offen, freundlich und zuvorkommend. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in dem „Land der aufgehenden Sonne“.
Chikara—hittatsu „Die Anstrengungen führen immer zum Ziel“.

Bericht und Bilder: Gerhard Eberle